Schulstrukturreform nicht um jeden Preis

01.12.2009: Die Situation für Kinder aus bildungsfernen Schichten oder Kindern mit Migrationshintergrund in unseren Schulen ist heute schlechter als vor 30 Jahren.

  
 

Özcan Mutlu auf Schülerdemo Foto: ck

Denke ich an die ersten Jahre meiner Kreuzberger Grundschulzeit zurück, hätte sie sich auch in der Türkei abspielen können: Der Unterricht war fast nur auf Türkisch. Lediglich unsere Deutschlehrerin begegnete uns in der Sprache des "Gastlandes". An höhere Bildung war nicht zu denken. Ein Uni-Abschluss grenzte an ein Wunder. Das war vor 30 Jahren.

Unsere stark gegliederte Schulstruktur führt heute durch soziale Selektionsprozesse zur sozialen Exklusion und schafft vor allem für HauptschülerInnen besonders ungünstige Entwicklungsbedingungen. Dass die Auslese vor allem die Bildungschancen von Arbeiterkinder oder Kindern mit Migrationshintergrund verschlechtert, ist kein Geheimnis mehr. Die Lernzuwächse dieser SchülerInnen bleiben weit hinter ihren kognitiven Möglichkeiten, so werden soziale Ungleichheiten und die daraus resultierende Ungerechtigkeit zementiert. Genau das widerspricht dem Grundsatz der Chancengleichheit, wie es im Schulgesetz verankert ist.

Vielgliedrigkeit überwinden

Schulstrukturveränderungen müssen sich daran messen, welchen Beitrag sie leisten, um zu mehr Bildungsgerechtigkeit und -qualität zu kommen. Statt die unübersichtliche Schullandschaft immer mehr aufzufächern, ist es längst an der Zeit, die Vielgliedrigkeit zu überwinden und in eine übersichtliche Struktur zu überführen. Daher haben wir auch aus der Opposition heraus Debatten initiiert und die derzeit geplante Schulreform mitangestoßen. So haben wir mehrere große Veranstaltungen zur Schulstrukturreform mit Herrn Prof. Dr. Zöllner sowie vielen ExpertInnen durchgeführt und haben entsprechende Initiativen im Abgeordnetenhaus gestartet. Damit haben wir gemeinsam mit den Koalitionsfraktionen den Weg für eine neue Berliner Schulstruktur geebnet.

Probejahr und Sitzenbleibensind Schritte zurück

Ein neues Schulsystem mit zwei gleichberechtigten und gleichwertigen Schulformen (integrierte Sekundarschule und Gymnasium) garantiert längeres gemeinsames Lernen und mehr individuelle Förderung der SchülerInnen. Hauptschulen abschaffen und die Gymnasien reformieren, kein Sitzenbleiben, kein Probejahr und kein Abschulen mehr - das war das ursprüngliche Ziel der Schulstrukturreform und hatte unsere volle Unterstützung. Der rot-rote Kompromiss bzw. der nun vorgelegte Schulgesetzentwurf sieht dagegen die Einführung eines Probejahres sowie Sitzenbleiben an Gymnasien vor. Das widerspricht den ursprünglichen Zielen, die von uns getragen wurden. SchülerInnen, die vermeintlich schlecht sind, müssen das Gymnasium verlassen und ihre Bildungslaufbahn in der 8. Klasse der integrierten Sekundarschulen fortsetzen. Dadurch wird nicht nur die integrierte Sekundarschule zu einer Schule zweiter Klasse degradiert, sondern den SchülerInnen der Stempel des Versagens aufgedrückt. Gleichzeitig wird die soziale Entmischung verstärkt und die Entwicklung sowie die Reform der Gymnasien verhindert.

Für den Übergang von der Grundschule zur Sekundarstufe gibt es kein absolut gerechtes Übergangsverfahren. Um so wichtiger ist es, Lösungen für den Übergang zu finden, die das Kindeswohl am ehesten berücksichtigen. Der Rat der Bürgermeister hat in seiner Stellungnahme zum Schulgesetz einstimmig gefordert, hinsichtlich des Übergangs von der Grundschule zur Oberschule ein anderes Verfahren zu finden, dass der Grundschulförderprognose ein stärkeres Gewicht gibt, statt eines uneingeschränkten Elternwillens: "Der Rat der Bürgermeister bittet den Senat, für den Übergang in die Sekundarstufe-I das Verhältnis zwischen ausschließlicher Berücksichtigung des Elternwillens einerseits und den Konsequenzen aus einem Probejahr andererseits unter einer stärkeren Berücksichtigung der schriftlichen Förderprognose abzuwägen." So auch die einhellige Meinung der ExpertInnen, die am 5. Okt. in der Anhörung zum Schulgesetz, das Probejahr abgelehnt hatten.

Gleichwertigkeit der Bildungsgänge in Gefahr

Wenn rot-rot jetzt auf ein Probejahr besteht, kann von Gleichwertigkeit der beiden Bildungsgänge - immerhin ein Kernanliegen der Reform - keine Rede mehr sein. Das Probejahr ist ein Instrument, das die Gymnasien als die vermeintlich bessere Schule privilegiert und damit die Sekundarschule zum Auffangbecken gescheiterter GymnasialschülerInnen degradiert. Der pädagogische Effekt ist verheerend. Individuelle Förderung muss das Grundprinzip der integrierten Sekundarschulen und der reformierten Gymnasien sein. In beiden Schulformen brauchen wir eine motivierende Pädagogik, statt ein pädagogisches Denken, das vorrangig Schwächen nachweisen will. Zu klären ist auch die Frage, wie die Inklusion (gemeinsames Lernen von SchülerInnen mit und ohne Behinderungen) im neuen Schulgesetz verankert ist und in der Praxis tatsächlich umgesetzt werden soll. Auch die Frage der Ausgestaltung des Dualen Lernens ist eine entscheidende. Wie soll verhindert werden, dass unter dem Dach der integrierten Sekundarschule eine weitere Schulform mit einem Praxisschwerpunkt entsteht, zu der SchülerInnen verpflichtet werden können.

Wie dem auch sei, Strukturänderungen allein sind noch keine Lösung. Die Reform der Lern- und Unterrichtskultur und eine flächendeckende Qualitäts- und Sprachoffensive sind für den Erfolg unabdingbar. Das ist ohne die konsequente Fort- und Weiterbildung des Lehr- und Erzieherpersonals, ohne die Stärkung der frühkindlichen Bildung und vor allem ohne eine ausreichende personelle und materielle Ausstattung von Kitas und Schulen nicht zu schaffen. Bei den laufenden Haushaltsberatungen kann rot-rot zeigen, wie ernst sie es meinen. Denn ohne zusätzliche finanzielle Mittel, wird diese Reform zum Scheitern verurteilt sein!

Özcan Mutlu, Mitglied des Abgeordnetenhaus, bildungspolitischer Sprecher

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